Burggarten zu Gnandstein
Seit über 400 Jahren ist die Gartenanlage am Fuße der Burg mit dieser verbunden, wurde sie durch die Familie von Einsiedel bewirtschaftet. Die Besitzerfamilie bzw. die verschiedenen Burggärtner, ein erster Dienstvertrag mit einem Gärtner datiert aus dem Jahre 1599, prägten das Bild des Gartens entscheidend. Seine Gestaltung wurde durch den jeweiligen Entwicklungsstand des Gartenbaus und der Gartenkunst und natürlich den finanziellen Möglichkeiten der Besitzer beeinflusst. Bis zum 17. Jahrhundert überwog der Anbau von Gemüse, Obst und Kräutern. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entwickelte sich der barocke Lustgarten. Das 19. und 20. Jahrhundert war geprägt vom Anbau und Verkauf von Obst, Gemüse und Zierpflanzen. Beinahe unberührt blieben dabei die verschiedenen Nutzungsformen der einzelnen Terrassen. So befand sich auf der oberen Terrasse ein Baumgarten. Der Lustgarten mit dem Gärtnerhaus und der Orangerie nahmen die mittlere Terrasse ein. Auf der unteren Terrasse lag bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts der Nutzgarten.
Lustgarten und Erwerbsgärtnerei
Die maßgeblichen Impulse für die Anlage eines repräsentativen Lustgartens lieferte Curt Abraham von Einsiedel in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Auch die das Bild des Gartens prägenden Terrassenmauern aus Rochlitzer Porphyr gehen auf ihn zurück. Zierde eines jeden Lustgartens waren exotische Pflanzen, die z. B. aus Italien eingeführt und in Kübeln gehalten wurden. Auch in Gnandstein sind Pflanzen wie Oleander, Lorbeer- und Orangenbäume und sogar Zypressen fassbar. Die Pflanzen überwinterten in einer Orangerie. Der Bau eines Gebäude diesen Namens ist historisch nicht belegt. Ein Grund hierfür ist die Tatsache, dass mit dem Wort „Orangerie“ zunächst die Pflanzen bezeichnet wurden. 1717 wird der Kunst- und Lustgärtner Michael Müller per Dienstvertrag mit Curt Abraham von Einsiedel verpflichtet, „in Sondernheit die Orangerie, wenn derer angeschaffet werden sollte, sorgfälltig [zu] wartten, und solche zur Winterszeit mit nottdürftiger Heizung [zu] versehen.“ Ob hier schon von dem speziellen Raum im Orangeriegebäude mit der großen Glasfront nach Süden und einer umlaufenden Kanalheizung gesprochen wird, ist nicht klar ersichtlich. Jedenfalls wird die Orangerie noch in der heutigen Zeit zur Überwinterung von Pflanzen genutzt. Im 18. Jahrhundert wurden neben Rosen und Levkojen vor allem Nelken, wegen ihrer brillanten Farben, der edlen Gestalt und des bezaubernden Wohlgeruchs, kultiviert. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts sind in Gnandstein diese Pflanzen durch Pelargonien, Fuchsien und Dahlien ersetzt worden. Besonders Dahlien wurden im Burggarten in großer Sortenvielfalt angeboten. Neben dem Pflanzenverkauf war die Belieferung der herrschaftlichen Räume mit Blumenschmuck eine weitere wichtige Aufgabe der Burggärtnerei. Um 1820 hatte der Gärtner „dafür Sorge zu tragen, das … die Blumentische im Schlosse gehörig mit Blumen bestanden sind.“ Über die Gestaltung des Burggartens gibt es sehr wenige Hinweise. Ende des 19. Jahrhunderts hielt sich die Familie von Einsiedel erwiesenermaßen zur Erbauung und Erholung im Garten auf.
Umgestaltungen nach 1945
Von der Bodenreform und der damit einhergehenden Enteignung der Familie von Einsiedel bzw. von Friesen im Jahre 1945 war auch der Burggarten Gnandstein betroffen. Er wurde zunächst von der Gemeinde Gnandstein verwaltet. Noch im selben Jahr pachtete die Familie Sporbert die Gärtnerei, um sie bis 1994 zu bewirtschaften. Sie unternahmen große Anstrengungen, um in der schlecht gepflegten Anlage einen Gärtnereibetrieb aufzubauen. 1956 wurde die Gärtnerei Teil der neuen LPG „Goldene Ähre“ Gnandstein. In der Orangerie wurde eine Kranzbinderei eingerichtet und auf der oberen Terrasse Fliedersträucher angepflanzt. Zunächst diente die untere Terrasse zum Anbau von Beerensträuchern und Obst. Später beschränkte sich der Betrieb auf die beiden oberen Terrassen.
1995 wurde das Gelände des Burggartens vom Freistaat Sachsen erworben. Die Zusammenführung von Burg, Garten und Rittergut eröffnete völlig neue Perspektiven in der Gestaltung der Anlage. Eine umfassende Gartenkonzeption hat das Ziel, den historischen Zusammenhang wieder erlebbar zu machen. Umfangreiche Sanierungsmaßnahmen der Bausubstanz, besonders der Terrassenmauern, standen am Anfang der Arbeiten. Die schrittweise Umgestaltung bzw. Rekonstruktion der alten Gartenstruktur steht im Mittelpunkt der gegenwärtigen Maßnahmen. Vordergründig soll es darum gehen, die Geschichte des Gartens fortzusetzen. Entsprechend der historischen Charakteristik sollen im Burggarten heute in denkmalpflegerisch bearbeiteten Gartenanlagen selten anzutreffende Nutzpflanzenkulturen gezeigt werden, die allesamt ein Stück regionaler Kulturgeschichte repräsentieren und nach ökologischen Gesichtspunkten angebaut werden. Hervorzuheben ist der sehr vielfältige Pflanzenbestand an Kräutern, Zierpflanzen, Gemüsearten, Wildblumen und Gehölzen aus verschiedenen Zeitepochen. Damit soll ein Beitrag geleistet werden, diese teilweise selten gewordenen Pflanzenkulturen zu erhalten und zukünftige Nutzungsformen aufzuzeigen. Nach einer schrittweisen Öffnung seit dem Jahr 2000 steht das Areal des Burggartens für Besucher offen. Als Gartendenkmal ist der Burggarten Gnandstein ein Beispiel für historische, ländliche Gärten, die in Sachsen nur noch sehr selten anzutreffen sind.






